Samstag, 6. November 2010

Kribi

Am letzten Wochenende im Oktober haben wir, Ruth, Brigitte und ich, uns ein bisschen Urlaub gegönnt: Ein Wochenende in Kribi!

Kribi ist eine kleine Hafenstadt im Südwesten Kameruns, direkt an der Atlantikküste. Am Donnerstagmittag geht es los. Wir reisen wieder einmal per „public transport“. Eigentlich wollen wir um zwei Uhr nach Bamenda starten. Der Kleinbus ist aber erst um halb vier voll und starbereit. Diesmal haben wir eine völlig verängstigte Ziege als Gepäck auf dem Dach, die ununterbrochen viereinhalb Stunden schreien kann. Solange brauchen wir nämlich bis wir endlich unsere Zwischenstation Bamenda erreichen. Glücklicherweise haben die deutschen Freiwilligen von „Brot für die Welt“, die in Bamenda wohnen, uns schon Karten für den Nachtbus gekauft, sodass wir nach einem kurzen Abendessen in den nächsten Bus einsteigen können, der nach Douala fährt. Der Nachtbus ist sehr groß mit fünf Sitzen in einer Reihe und insgesamt 70 Plätzen. Man muss sich den Sitz zwar nicht mit jemandem teilen, aber so bequem wie in einem deutschen Reisebus ist es nicht. Um 9 Uhr ist der Abfahrtstermin. Von da an dritt der Fahrer ziemlich energisch alle fünf Minuten aufs Gaspedal, hubt oder fährt zwei Meter vorwärts, um anzudeuten, dass alle einsteigen sollen. In der Zwischenzeit kann man sich einen Vortrag über ein Wundermittel zum Einreiben der Haut anhören, das gegen alles Mögliche vorbeugen und helfen soll. Und die Kameruner kaufen es! Fläschchen um Fläschchen wird unter die Leute gebracht. Die Verkäuferin ist rhetorisch auch wirklich sehr gut. Am Schluss sagt sie zu mir: „Das hilft auch bei Weißen.“ Als ich keine Anstalten mache auch ein Fläschchen zu kaufen, setzt sie hinzu: „Aber ihr habt bestimmt etwas Besseres!“
Um halb elf schließlich rollt der riesige Bus in den Nachtverkehr von Bamenda. So wie dieser Bus auf den löchrigen Straßen schwankt habe ich es noch auf keinem Schiff erlebt. Aber bald geht es auf die asphaltierte Schnellstraße nach Douala. Nach sieben Stunden und einigermaßen ruhigem Schlaf kommen wir in Douala an. Es ist schwül warm und die Hähne auf dem Busparkplatz verkünden, dass es bald hell wird. Sobald die Sonne aufgegangen ist, nehmen wir ein Taxi zum Busparkplatz nach Kribi am anderen Ende der Stadt. Dort wollen wir uns mit Mona, der deutschen Ärztin, treffen. Wir haben noch Zeit und essen erst einmal ein Omelette mit Baguette! Wir sind nämlich fast in Frankreich, also im französischen Teil Kameruns. Fast pünktlich um halb zehn startet der Bus und wir treten die letzte Etappe unserer Reise an.

Nach zwei Stunden Fahrt durch den Regenwald über eine sehr gute Straße sehen wir das Meer und kommen in Kribi an. Eigentlich ist es ziemlich verrückt, dass wir für zwei Tage eine solche Odyssee auf uns nehmen, aber es hat sich gelohnt.

Kribi ist der touristischste Ort in Kamerun. Das merkt man unter anderem daran, dass viele Straßen asphaltiert sind und es ein paar Restaurants und Geschäfte gibt, aber von Massentourismus ist nichts zu spüren. Es ist eine kleine kamerunische Stadt, in der immer noch die meisten vom Fischfang leben.
Erstmal stärken wir uns mit einem Bohnenbaguette, Baguette mit gekochten Bohnen. Es schmeckt einfach gut.

Dann suchen wir ein Hotel.
Wir kommen in einem kleinen Hotel unter, direkt am Strand. Von der Terrasse aus sieht man das Meer und wir ziehen uns erstmal um und springen ins Wasser. Der Atlantik ist badewannenwarm mit mindestens 25 Grad.
Am weißen Sandstrand sitzend knüpft Brigitte gleich wieder Kontakte mit Kamerunern, die uns dann völlig umsonst, naja gegen eine Handynummer, vier Kokosnüsse bringen und aufmachen. Danach machen wir noch einen längeren Spaziergang am Strand.

unser Hotel

Vielleicht lasse ich jetzt besser die Bilder sprechen, denn so gut kann ich es einfach nicht beschreiben:




Das einzige, was uns negativ auffällt ist, dass außer uns noch vier alte Franzosen im Hotel sind, die sich hier mit ihren jungen, kamerunischen Mädchen vergnügen.
Auch am Strand begegnen uns Männer mit ihren dreißig Jahre jüngeren Frauen und Mischlingsbabys. In der Stadt sehen wir aber auch zwei dicke blonde Frauen um die Fünfzig, die sich sehr verliebt an einen jungen Kameruner krallen.
Der eine Hotelangestellte sagt mir, dass er es auch pervers finde. Aber was solle er machen, wenn hauptsächlich jene Gäste hier Urlaub machen.

Abends gehen wir natürlich Fisch essen. Man kann zwar auch im Hotel französisch essen, aber das kostet dann auch annähernd so viel wie in Frankreich und schließlich sind wir ja in Kamerun.
Man merkt, dass man sich in einer Touristenstadt befindet. Hier ist deutlich mehr los als in Kumbo, wo die Leute schon um acht schlafen gehen. Es fahren noch viele Autos und Motorräder durch die Straßen und überall ist Musik. Es wird an jeder Ecke gegrillter Fisch, Grabben und Fleischspieße verkauft.
Und es ist warm, Regenwald eben. Da ich wohl ein bisschen viel von der Pfeffersoße zum Fisch gegessen habe, fange ich an zu schwitzen und es will irgendwie gar nicht mehr aufhören.

Nachdem wir noch ein bisschen durch die Stadt gelaufen sind und ein Bier getrunken haben, fahren wir mit dem Motortaxi zurück zum Hotel, wo wir uns eigentlich noch mal an den Strand setzten wollten. Aber es fängt an zu regnen; wir sind schließlich im Regenwald. Und so bleiben wir noch ein wenig an der Hotelbar sitzen.

Am nächsten Morgen suchen wir uns ein leckeres Frühstück. In Kribi gibt es einen Supermarkt mit Bäckerei! Man kann so viel kaufen. Croissants, Apfeltaschen, Fruchtsäfte, Salami und Süßigkeiten wie Snickers oder Gummibärchen. Das klingt jetzt nicht sehr besonders, aber für uns ist es etwas Besonderes. Das alles gibt es in Kumbo nämlich nicht.
Auf der Straße lassen wir uns noch eine Papaya schälen. Wir finden es lustig, dass es drei Leute braucht, um eine Papaya zu schälen und zu verpacken.

Auf dem Rückweg zum Hotel gehen wir am Hafen vorbei, wo morgens der Fischmarkt ist.

Nach einem ausgiebigen Frühstück am Strand wollen wir zu den Wasserfällen von Lobé (Chutes du Lobé) gehen. Diese werden im Reiseführer als die größten Wasserfälle Afrikas beschrieben, die direkt ins Meer fallen. Nach einer kurzen Motorradfahrt kommen wir an.
Die Wasserfälle sind wirklich imposant. Etwas lästig ist allerdings, dass wir die ganze Zeit von zwei Schwarzen zugelabert werden, die einfach nicht verstehen wollen, dass wir uns nicht für 10000 Francs in ihrem Boot einmal vor den Wasserfällen entlangfahren lassen möchten.

Auf einer Sandbank können wir mehrere hundert Meter hinaus ins Meer laufen und die Wasserfälle aus einiger Entfernung genießen. Dann entscheiden wir uns nicht zurückzufahren, sondern zurückzulaufen. Viele Kilometer Sandstrand liegen vor uns und hinter jedem Felsen tut sich ein neuer Panoramablick auf.
Wir zählen ganze vier Hotels, die alle nicht mehr als 20 Zimmer haben. Sonst ist der Strand hauptsächlich unbebaut und der Regenwald reicht fast bis ans Wasser.
Hier sehen wir auch eine lebende grüne Schlange, die aber leider vor unseren Augen von einem Kameruner mit der Machete halbiert wird.

Nach einem letzten Mal Schwimmen im Meer und dem Sonnenuntergang gehen wir zum Hafen, wo man besonders gut frischen Fisch essen kann.

Direkt am Hafen sind unter einem großen Dach 10 kleine „Restaurants“ mit einer Spüle und einem Grill. Man kann sich hier hinsetzten und auch etwas zu trinken bestellen. Den Fisch suchen wir uns vorher aus, verhandeln dann den Preis und lassen ihn grillen. Man bekommt wirklich alles, was am Tag gefangen wurde. Fisch, Grabben, Hummer, Garnelen.
Wir haben einen Dorsch, einen Barsch und Garnelen ausgewählt. Es schmeckt wirklich sehr lecker, ist aber auch sehr teuer. An diese Preise sind wir gar nicht mehr gewöhnt. 2000 Francs für einen Fisch! Das sind 3,08€.

Neben uns setzten sich vier kamerunische Männer an den Tisch, die uns natürlich gleich ansprechen und sehr schnell sagen, dass sie eine der Frauen heiraten möchten.
Mona und ich geben uns als Ehepaar aus, das mit seinen zwei Töchtern Urlaub in Kribi macht. Mona bleibt somit von Heiratsanträgen verschont. Und da ich der Vater bin und auch der einzige, der Französisch versteht, bekomme ich die schönsten Geschichten und Argumente dargebracht, warum sie so verliebt sind und unbedingt heiraten möchten. Ein Moslem will sogar katholisch werden, damit er Ruth heiraten kann.

Nach dem Essen lassen wir unseren letzten Abend am Strand ausklingen, weil es heute nicht regnet. Wir haben einen wunderschönen Sternenhimmel. So viele und helle Sterne sieht man wohl nur in Afrika. Man hat das Gefühl, dass sich der Himmel mit all den funkelnden Lichtern wie eine Kuppel über einem wölbt.

Und am nächsten Morgen ist unser Urlaub in Kribi beendet. Nach einem schönen Frühstück in einer unscheinbaren Kantine in einem Hinterhof, wo es Omelette mit Baguette gibt, fährt um 6:50 der Bus nach Douala ab.
Unsere Rückreise klappt reibungslos. Ohne größere Wartezeiten bekommen wir die nächsten Busse und kommen ziemlich fertig um 10 Uhr nachts in Kumbo an. Vor allem die letzte Strecke im Auto nach Kumbo über nicht asphaltierte Straße ist anstrengend und insbesondere für Mona, weil sie sich den Sitz mit dem Fahrer teilen muss und, wie sie sagt, auf der Handbremse sitzt.

Aber insgesamt war das Wochenende wunderschön und am Montag hatten wir alle keine Lust aufzustehen und zu arbeiten.


Maximilian

Unterricht in St. Augustine



Heute möchte ich über meine Arbeit als Lehrer im St. Augustine’s College berichten.
Zuerst erzähle ich am besten etwas zum Schulsystem in Kamerun. Mit zwei oder drei Jahren beginnt für die Kinder das Schulleben. Gestartet wird mit zwei Jahren Nursery-School, mit deren Unterrichtsmethoden Brigitte, meine Mitbewohnerin, gerade zu kämpfen hat. Dort herrscht eine Disziplin wie in einer Schule, die Kinder müssen auf Bänken sitzen und es wird vor allem Englisch unterrichtet.
Mit spätestens fünf Jahren geht es für sechs Jahre in die Primary-School. Mit elf Jahren wechseln die Schüler zu einer weiteren Schule, der Secondary-School. Nach fünf Jahren schließen sich zwei Jahre High-School an, nach denen man zur Universität zugelassen ist.
Die Schulpflicht endet nach der Secondary-School oder wenn man das Schulgeld nicht bezahlen kann. Das Schulgeld muss allein von den Eltern aufgebracht werden.

Zwischen den Schulen gibt es natürlich Unterschiede. Es gibt staatliche Schulen, die ca. 30000 Francs (48€) pro Jahr kosten. Die sind deshalb so günstig, weil die Klassen dementsprechend groß sind. In einer Klasse sind zwischen 100 und 200 Schüler. Die Lehrer einer staatlichen Schule werden auch besser bezahlt. Allerdings fehlt die Kontrolle, ob und was die Lehrer unterrichten. Der Lehrer einer staatlichen Schule kann also getrost mal ein verlängertes Wochenende einschieben.
Private Schulen (katholisch, muslimisch oder evangelisch) bieten eine wesentlich bessere Bildung, allein schon weil die Klassen kleiner sind (40 bis 60 Kinder). Sie sind aber auch teurer. Das Schulgeld kann zwischen 60000 (96€) und 100000 (150€) Francs pro Jahr betragen. Wenn man rechnet, dass ein Lehrer einer privaten Schule 130000 Francs im Monat verdient, wird das Schulgeld von zwei Schülern benötigt, um den Lehrer zu bezahlen. Das Schulgeld von 24 Schülern wird nur dazu gebraucht, den Lehrer ein Jahr zu bezahlen. Dazu kommen alle anderen Kosten für Gebäude, Strom, Administration etc.
Schulmaterialien, wie Bücher, müssen natürlich von allen Schülern selbst gekauft werden.
Bildung ist hier also sehr teuer, vor allem wenn man bedenkt, dass in den Dörfern, die Menschen nur von ihren landwirtschaftlichen Erzeugnissen leben, von der Hand in den Mund. Solche Familien sind froh, wenn sie tausend Francs im Monate zur Verfügung haben, weil sie drei Ananas verkaufen konnten. Und somit ist das Schulgeld von 30000 Francs pro Jahr plus Bücher für ein Kind eigentlich unerschwinglich (10 Kinder in einer Familie sind keine Seltenheit).
In meiner Schule werden gerade die Schüler nach Hause geschickt, die ihr Schulgeld nicht vollständig bezahlt haben. Wenn sie mit Geld wiederkommen ist es gut, wenn nicht können sie zu Hause bleiben.

Das Bistum Kumbo finanziert mit der Unterstützung des Kindermissionswerks in Deutschland und des Bistums Limburg das Schulgeld von 1800 Waisen und bedürftigen Kindern pro Jahr. Dies erscheint sehr viel. Aber man muss bedenken, dass es in der Diözese über 7000 Waisenkinder gibt. Bei einer Gesamtbevölkerung von 735000 Menschen ist das knapp 1%.

Aber jetzt zu meinem Unterricht: Das St. Augustine’s College ist ein katholisches Internat mit 800 Schülern, das Secondary-School und High-School umfasst. Ich unterrichte in zwei Klassen in Form II (die zweite Klasse der Secondary-School) Mathematik. Außer mir gibt es noch einen weißen Lehrer, einen spanischen Pfarrer, der Spanisch unterrichtet.

Das Schulsystem ist hier ganz anders, nur das mir keiner sagt, was ich zu tun habe. Ich habe ein Schulbuch (nach zwei Wochen) und meinen Stundenplan bekommen und dann ja … Unterrichte!
Zuvor musste ich noch in langen Diskussionen erkämpfen, dass ich nicht Form III unterrichte, einfach weil meine Englischkenntnisse nicht ausreichen, um Vektoren und Matrizen zu erklären. Aber das ist schon ein Teil der Mentalität hier. Viele glauben, dass wenn man weiß ist, man alles kann und alles weiß. Die Argumente der Lehrer waren: „Mathe ist doch so einfach und Englisch, das ist doch die einfachste Sprache der Welt. Wo soll es da ein Problem geben?“ Meine Argumente waren: „Ich bin kein Lehrer, habe noch nie unterrichtet und würde lieber mit weniger abstrakten Themen anfangen.“ Nach mehreren Gesprächen mit dem Schulleiter darf ich jetzt doch Form II unterrichten.

In einer Klasse sind 43 und der anderen 36 Kinder von elf bis dreizehn. Mittlerweile habe ich herausgefunden, dass die Kinder es einfach nicht gewöhnt sind ein Unterrichtsgespräch zu führen oder selbst zu denken! Sie bekommen hier alles an die Tafel geschrieben, was sie dann auswendig lernen. Ich habe es aber noch nicht aufgegeben, sie dazu anzuhalten, selbst einen Lösungsansatz zu finden.
Eine Secondary-School ist quasi eine Gesamtschule. Die Bücher aber sind Cambridge-Niveau. Wenn die Schüler verstehen, was der Lehrer an die Tafel schreibt, ist es gut, wenn nicht ist der Schüler eben dumm und/oder faul. Es interessiert sowieso nur, ob man einen Test besteht oder durchfällt. Letztendlich entscheiden die Eltern, ob jemand das Schuljahr wiederholt oder nicht, denn die bezahlen schließlich das Schulgeld.

Bei der Vielzahl von Schülern und vor allem dem Tempo, mit dem man im Buch voranschreiten muss, ist es eigentlich unmöglich darauf zu achten, dass alle Schüler das Thema verstehen. Und das geht nicht nur mir so. Etwa ein Drittel meiner Schüler hat solche Defizite, dass man sich fragen muss, ob sie in den letzten drei Jahren im Matheunterricht anwesend waren.
Ich versuche zwar manchmal zu wiederholen, wie man multipliziert oder mit Brüchen rechnet, aber dafür ist eigentlich keine Zeit.

Das ist etwas, was höchst wahrscheinlich durch die hier sonst übliche Art zu unterrichten hervorgerufen wird. Ich habe ein paar Mal am Unterricht meiner Kollegin teilgenommen. Sie ist eine 23-jährige Nonne, die Form I und III unterrichtet.
Sie ist eine kleine, zierliche Person, aber in der Klasse ist Totenstille. Das wichtigste ist erstmal Disziplin. Wenn jemand zu spät kommt, darf er den Rest der Stunde vor der Tafel knien. Wenn jemand stört, laut ist oder sich nicht mit dem Unterricht beschäftigt, gibt es Kopfnüsse, wird an den Ohren gezogen oder die Schwester kommt mit dem Stock.

Das ist ja noch nicht so schlimm. Immerhin ist die Klasse ruhig. Was ich viel gravierender finde ist, dass nur die richtige Antwort zählt. Einmal musste die ganze Klasse am Anfang der Stunde knien. Erst, wenn jemand eine richtige Antwort sagte, durfte er sich setzten. Über zweidrittel der Klasse knieten die ganze Stunde. Wenn man für eine falsche Antwort gedemütigt oder bestraft wird, traut sich natürlich niemand etwas zu sagen.


Dagegen ist mein Unterricht der reinste Zirkus, obwohl ich finde, dass die Klasse für 40 Schüler sehr ruhig ist. Ich schaffe es auch immer mehr Schüler zu motivieren am Unterricht aktiv teilzunehmen. Sie sind aber nur schwer dazuzubewegen, einen eigenen Lösungsansatz zu erdenken oder auf eine Frage zu antworten, deren Antwort ich nicht vorher schon mal gesagt habe oder die genauso im Buch steht. Meinen Schülern sage ich immer, dass es nicht schlimm ist etwas Falsches zu sagen. Denn wie will man etwas verstehen, wenn man nicht begreift, warum es nicht auch etwas anderes sein kann.

Das sind vor allem Probleme des Mathematikunterrichts. Es herrscht grundsätzlich ein Mangel an Mathematiklehrern. Das führt dazu, dass vor allem in den unteren Klassen und der Primary-School Lehrer eingesetzt werden, die wahrscheinlich selbst kein Verständnis oder Begeisterung für Mathe haben. Die Grundlagen werden also einfach nicht gelegt.

Etwas anders, was sich durch die gesamte kamerunische Gesellschaft zieht, ist, dass sich keiner Gedanken macht wie etwas besser, effektiver, einfach anders ablaufen kann. Sich einfach mal die Frage stellen: Wie kann ich meinen Unterricht aufbauen, damit die Schüler es besser verstehen? Viele Lehrer folgen einfach dem Lehrbuch (denn das hat ja ein klügerer Professor geschrieben) und arbeiten mit den Methoden weiter, die ihre Väter von den Kolonialherren übernommen haben. Diese Kultur, nicht zu hinterfragen und einfach das zu machen, was man gelernt oder gesagt bekommen hat, erinnert manchmal ans Mittelalter. Einerseits kann man nicht erwarten, dass die Menschen hier fünfzig Jahre nach Ende der Kolonialzeit gelernt haben zu kritisieren, andererseits ist es etwas, was ich einfach nicht verstehe: Wie man sein Leben nicht selbst in die Hand nehmen kann.

Auch ist die Schule noch weit davon entfernt, die Lehrpläne der einzelnen Fächer aufeinander abzustimmen. Ich habe einmal in einem Chemiebuch geblättert. Wie sollen die Schüler den Graphen, der die Veränderung der Dichte von Quecksilber in Abhängigkeit der Temperatur darstellt, verstehen könne, wenn sie im Matheunterricht noch nicht einmal den Graphen einer proportionalen Funktion zeichnen können?

Disziplin wird nicht nur im Unterricht ganz groß geschrieben. In unserer Schule gibt es einen „Disciplinemaster“. Der ist kein Lehrer, sondern nur damit beauftragt Schüler zu bestrafen und für Ordnung zu sorgen. Bei einem Vergehen wird der Schüler zum „Disciplinemaster“ bestellt und bestraft, ganz egal was er angestellt hat. Wie die Bestrafung im Einzelnen aussieht, wenn man zum „Disciplinemaster“ bestellt wird, habe ich noch nicht mitbekommen, aber am ersten Tag wurde ich von ihm gefragt, ob ich einen Stock haben wolle, er hätte so schöne neue Stöcke gekauft. (Die Schüler berichten, dass die Stöcke öfters mal zerbrechen.)

Und ich werde mit Situationen konfrontiert, die man in Europa wohl nicht vorfinden wird.
Eine Unterrichtssituation war einmal: Ich versuche gerade ein neues Thema zu erklären und plötzlich springt die Hälfte der Klasse auf: „Sir, können wir unsere Wäsche abhängen gehen?“
Meine Reaktion war erst einmal „Nein, wir habe Unterricht!“, „aber es fängt an zu regnen!“. Ja was soll man da noch sagen. Also unterbreche ich den Unterricht für eine Viertelstunde, um die Kinder ihre Wäsche abhängen zu lassen.

Und wie werden die Schüler in Kamerun bewertet? Ich habe einen anderen Mathelehrer gefragt, wie das Notensystem hier sei. Erstmal musste ich erklären, dass es in Deutschland ein Notensystem von eins bis sechs gibt und ich eben nicht weiß, wie es hier gehandhabt wird. Als Antwort bekomme ich: „Vielleicht ein Punktesystem bis 14 oder bis 20. Das kannst du dir aussuchen. Für die Examen gibt es zwar ein einheitliches System, das weiß ich jetzt aber auch nicht.“ …???...

Was noch ein großes Problem ist: die Namen! Erstmal die afrikanisch oder englischen Namen an sich. Und dann sehen alle gleich aus. Die gleiche Schuluniform, die gleichen kurz geschorenen Haare. Am Anfang habe ich nur an der Hose oder dem Rock erkannt, ob es ein Junge oder Mädchen ist. Jetzt kann ich die Gesichter schon differenzieren.
Man trifft aber auch oft auf deutsche Namen, wie z.B. Mathilda, Elisabeth, Wilfried, Agnes, Herbert, Klothilde, Johanna, Stephan, die auch annähernd deutsch ausgesprochen werden.

Freitagnachmittag habe ich noch einen Deutschklub, wo ich Deutsch unterrichte. Der Klub ist freiwillig und es gibt noch zisch andere Klubs zur Auswahl, die zur gleichen Zeit sind. Aber welcher ist der Größte? Der Deutschklub.
110 Schüler sitzen da ohne Schulbuch oder jegliche Unterrichtsmaterialien und wollen von mir Deutsch lernen. Es klappt mittlerweile ganz gut, denn im Nachsprechen sind die Schüler echt gut. Die Schüler sind auch sehr interessiert daran Deutsch zu lernen. Unter anderem wegen der Partnerschaft des Colleges mit St. Ursula in Geisenheim, aber auch weil viele Kameruner davon träumen nach Europa zu kommen oder in Deutschland zu studieren.
Es macht wirklich Spaß Deutsch zu unterrichten und dank des Deutschbuches, was ich mitgebracht habe, weiß ich auch ungefähr wie ich meinen Unterricht aufbauen kann.

Die Kapelle, das wichtigste Gebäude

Dann möchte ich noch den Tagesablauf eines Schülers vorstellen. Der Tag eines Internatsschülers ist bis auf die letzte Minute durchgeplant:

Aufgestanden wird um 5 Uhr morgens. Die Schüler haben Zeit sich und ihre Kleider zu waschen. Um 6:15 Uhr ist heilige Messe. Natürlich ist alles Pflicht, auch für die nicht-katholischen Schüler. Diese müssen aber nicht mitbeten, nur anwesend sein. Es gibt durchaus viele Schüler mit einer anderen Religionszugehörigkeit in den kirchlichen Schulen. Um 7 Uhr gibt es Frühstück, ein Stück des süßen, englischen Brotes und Tee.

Um 7:20 Uhr ist „Morning Assembly“, Morgenappell. Alle Schüler stehen in Reih und Glied nach Klassen und Geschlechtern geordnet auf dem großen Platz vor der Schule. Montags müssen auch alle Lehrer anwesend sein. Erst wird ein Vaterunser und ein Ave Maria gebetet und dann die Schulhymne gesungen, wobei die Flagge des Vatikan gehisst wird. Darauf folgt die Kamerunische Nationalhymne, wobei selbstverständlich die Flagge Kameruns gehisst wird.
Jetzt macht zuerst der Schulleiter eine Ansprache, danach können verschiedene Lehrer oder der Schulsprecher etwas vermelden. Meistens geht es um Regeln, die missachtet wurden, das Schulgeld, welches noch nicht bezahlt wurde oder die anstehenden Tests usw.
Eine Regel ist zum Beispiel, dass die Schüler keinerlei elektronische Geräte besitzen dürfen. Es gibt übrigens auch keine Steckdosen, die für Schüler zugänglich sind.

Nach dem Morgenappell beginnt der Unterricht um 7:45 Uhr. Jede Klasse hat ihren Raum und die Lehrer wechseln nach 45 Minuten. Jeden Tag hat jeder, egal welche Klassenstufe, 8 Stunden durchgängig mit 20 Minuten Pause nach der vierten Stunde.

Jeder Schüler hat auch sein eigenes Pult, worin seine Schulsachen sind. – Es ist schwierig die Sitzordnung zu verändern. Das war das einzige Mal, wo ich die Kontrolle über die Klasse verloren habe, nämlich wenn 40 Kinder gleichzeitig ihr Pult durch die Klasse schieben und anfangen sich zu streiten, wer wo sitzt.-

Die Schulglocke

Um 14:10 Uhr geht es zum Mittagessen; es gibt jeden Tag das Gleiche: Reis mit Soße.

Danach ist eine längere Pause, wo die Schüler Zeit haben zu schlafen oder ihre Wäsche zu wachen, bis alle um halb vier wieder in ihren Klassen sein müssen und dort die Nachmittagsstudien aufnehmen. Das heißt Hausaufgaben machen und lernen. In dieser Zeit ist hauptsächlich der Klassensprecher dafür verantwortlich, dass die Klasse ruhig ist und lernt.

Um 5:45 geht es zur Abendandacht in der Kapelle. Danach gibt es Abendessen, das gleiche wie zum Mittagessen. Dann werden um halb sieben die Nachtstudien fortgesetzt bis um 9 Uhr.

Um 9:30 Uhr ist „dead silence“, Totenstille. Die Schüler wohnen übrigens in verschiedenen Häusern: z.B. St. Andrew, St. Joseph, St. Anne, ein bisschen wie bei Harry Potter. Die Häuser tragen auch Fußballspiele gegeneinander aus.
Haus ist vielleicht zuviel gesagt. Ein Haus besteht aus einem Raum, der ein bisschen größer als ein Klassenraum ist und in dem dicht an dicht Etagenbetten aus Holz stehen. Darin schlafen um die 100 Schüler, alte und junge gemischt, denn die Älteren müssen für Ordnung im Schlafsaal sorgen. Jedes Haus hat noch ein kleines Bad. An der einen Wand reihen sich zehn Duschen an der anderen zehn Toiletten und in der Mitte ein paar Wasserhähne.


Speisesaal


Der Sportplatz

Dienstag- und Samstagnachmittag haben die Schüler Sport anstatt Studien bzw. „Manual Labour“, gemeinschaftliche Arbeiten auf dem Feld oder zum Beispiel den Speisesaal putzen. Freitags ist „Clubtime“, wo unter anderem mein Deutschklub, Tanz-, Musik-, oder Kunstklubs stattfinden. Sonntags haben die Schüler, nach der Messe natürlich, Zeit zum lernen und am Nachmittag sogar frei!

Als ich gefragt habe, warum die Schüler so wenig Freizeit hätten, habe ich gesagt bekommen, dass die Schüler hier sind, um zu lernen und nicht um Spaß zu haben. Und überhaupt bekommen die Schüler hier zu essen und müssen nachmittags nicht auf der Farm arbeiten.

Jetzt habe ich sehr viel über die Dinge geschrieben, die anders als in deutschen Schulen sind und die Schulsituation vielleicht ein bisschen zu negativ darstellt.
Auch hier sind es ganz normale Kinder wie deutsche auch, die viel lachen und Spaß haben können. Man braucht auch nicht zu denken, dass sie besser lernen oder motivierter sind, nur weil die Schule ihre Eltern so viel Geld kostet.

Auch ist die Ausstattung der Fachräume gar nicht schlecht. In den Chemie- und Biologieräumen wird in den höheren Klassen auch praktisch gearbeitet und Experimente durchgeführt. Besonders der Computerraum mit 20 Computern und Internet bietet die Möglichkeit, dass in allen Jahrgangsstufen das Fach „Computer“ unterrichtet werden kann. Das unter anderem sind die Vorteile einer privaten Schule.

Der Chemiesaal (gerade werden die neuen Wasseranschlüsse verlegt, deshalb ist der Boden aufgerissen) und die Chemiesammlung

Am Anfang war es sehr schwer sich zurechtzufinden, zumal ich nicht nur ein völlig fremdes Schulsystem vorgefunden habe, mit den Problemen einer anderen Sprachekonfrontiert wurde und keinerlei Anweisungen bekommen habe, wie ich unterrichten soll.
Ich bin mir immer noch nicht sicher, ob es gut ist, dass ich unterrichte, so als Abiturient ohne Erfahrung. Aber wenn ich mich mit den anderen Lehrern vergleiche beziehungsweise die Erfolge meines Unterrichts mit den ihrigen, profitieren die Schüler mit Sicherheit von mir.

Viele Grüße aus Kumbo

Maximilian

Montag, 4. Oktober 2010

Wochenende in Bamenda

Am Freitag, dem 17. September, fahren wir für das Wochenende nach Bamenda. Geplant ist, dass wir um zwei Uhr aufbrechen. Das sind Ruth, Brigitte, ich, Mona (eine deutsche Ärztin) und Louis (ein Freund aus Kumbo). Wir wollen mit den öffentlichen Verkehrsmitteln (public transport) fahren. Dafür suchen wir uns im „car-park“ in Kumbo ein geeignetes Transportmittel. Wir finden einen Kleinbus, der bereit ist uns für 2500 Francs mitzunehmen. Nun heißt es warten bis der Bus voll ist, denn der Fahrer fährt nur, wen auch jeder Platz besetzt ist. Voll heißt für einen Bus, in den in Deutschland 15 Personen passen würden, dass hier 20 Personen hineinpassen plus Kinder (denn die bezahlen nicht und brauchen folglich auch keinen Sitzplatz). Größere Gepäckstücke werden auf dem Dach verstaut. Um vier ist der Bus voll und es kann endlich losgehen.

Nur einige wenige Abschnitte der Straße von Kumbo nach Bamenda sind asphaltiert. Es ist erstaunlich, wie elastisch ein solcher Bus ist. Seine Form passt sich regelrecht den Schlaglöchern an. Da kann sich die Außenwand oder die Sitzbank schon mal um fünf Zentimeter bei einem Schlaglochwechsel verschieben.

Von Beinfreiheit oder Ähnlichem kann man natürlich nicht sprechen, obwohl wir Glück hatten, relativ schlanke Sitznachbarn und keine „fat Mami“ neben uns zu haben.

Man isst Erdnüsse, deren Schalen man einfach aus dem Fenster wirft, und so hoppelt der Bus durch die schöne Landschaft des Hochlandes von Bamenda, die manchmal eher an die Schwäbische Alp erinnert als an das klassische Bild von Afrika.

Um sieben, es ist bereits dunkel, kommen wir in Bamenda an und wir freuen uns, endlich aus dem kleinen Bus raus zu kommen. Aber es regnet und die Kameruner halten es wohl für bequemer in einem stickigen Bus eingezwängt zu sein als ein paar Meter durch den Regen zu laufen, wobei abzusehen ist, dass der Regen so schnell nicht aufhören wird. Als der Fahrer auch nach mehrmaliger Aufforderung unsererseits die Tür nicht öffnen will, steigen wir aus dem Fenster aus.
Louis muss noch seinen Koffer vom Dach hohlen und ausgerechnet dann entscheidet der Busfahrer fünf Meter weiter unter ein Tankstellendach zu fahren. Ein lustiges Bild: Louis mit Regenschirm auf einem fahrenden Bus!

Übernachten werden wir im Gästehaus der „Cameroon Baptist Convention“. Ein hübsches Zimmer mit Standard wie in einem Hotel. Doch bevor wir schlafen gehen, wollen wir noch etwas essen. Wir stürzen uns in den Straßenverkehr von Bamenda (so viele Autos sind wir gar nicht mehr gewohnt) und suchen uns einen kamerunischen Fast-Food-Stand. Am Straßenrand sitzen Frauen vor Grills oder Feuern, die in den Felgen von Autorädern entzündet werden. Hier gibt es wahlweise gegrillten Fisch oder Ziegenfleischspieße, Spaghetti-Omelett, frittierte Kartoffeln oder Kochbananen. Wir nehmen Kartoffeln und Spaghetti-Omelett. Das ist Ei mit etwas Spaghetti und natürlich Maggi-Würfel in der Pfanne gebacken. Dazu gibt es Bier, wie immer aus 0,65 Liter-Flaschen.
Auf der Suche nach einer guten Bar landen wir in einer Kabarett-Bar, wie die Kameruner es nennen. Dort wird unter englischer und französischer Moderation eine Tanzshow aufgeführt, an der sich die Besucher beteiligen können.

Mit meiner Jeans und Fleecejacke bin ich ziemlich unpassend gekleidet. Jeder hier ist schick und vor allem westlich gekleidet. Manchmal ist es sehr lustig, denn viel Secondhand-Ware kommt aus Deutschland. So kann man T-Shirts mit der Aufschrift „Bademeister Bad Schönau“ oder „Ich Chef – du nix“ sehen, deren Besitzer natürlich denken, welch teure Markenkleidung sie haben.

Die Musik ist typisch kamerunisch. Es ist die gleiche Musik, die man von morgens um sechs bis nachts in allen Straßen und aus allen Häusern hört. Es sind Lieder auf Französisch, Englisch oder Pidgin (das ist eine hier sich neu entwickelte Sprache. Die Grundlage ist Englisch mit stark vereinfachter Grammatik und Wortschatz und Einflüssen aus allen erdenklichen afrikanischen Sprachen sowie ein bisschen Deutsch). Jedem Lied liegt, wie ich es empfinde der gleiche afrikanische Rhythmus zugrunde. Schnelle Rhythmen sucht man vergebens.

Am nächsten Morgen gönnen wir uns ein ausgiebiges Frühstück. In Bamenda gibt es einen Bäcker, der Croissants und Baguette verkauft. Der französische Einfluss ist hier schon ausgeprägter. Zum Glück, denn so haben wir eine Abwechslung zum süßen Brot in Kumbo.
Zum Frühstück gibt es also Baguette, Croissants, Papaya und Bananen mit Tartina, das ist das kamerunische Nutella. Dazu gibt es Kaffee, natürlich aus der Region.

Danach erkunden wir die Stadt. Als erstes wird der Supermarkt besucht, wo man sofort merkt, dass man in einer Großstadt ist. Der Supermarkt selbst ist zwar nur so groß wie der IK in Kiedrich, aber man kann sogar Deo oder Knorr-Tütensuppe kaufen. Die Produkte sind auch günstiger als in Kumbo. Man muss den Transport über vier Stunden Schotterpiste nicht mitbezahlen.

Dann gehen wir auf den großen Markt, wo man echt alles kaufen kann, was man in Kamerun so bekommt. Wir können uns als Touristen bewegen, weil einen nicht jeder kennt. Trotzdem bekommt man aber von allen Seiten „White man! What do you want? Nice Shoes!“ hinterher gerufen.



Schuhe über Schuhe!


Ich werde mit der traditionellen Kopfbedeckung, die man hier in der Region trägt ausgestattet: Ein schwarzes Käppchen, das alle traditionsbewussten Männer hier tragen. Wenn man eine rote Feder daran stecken hat, ist man ein "Shey". Das ist ein Titel, der einem vom Fon verliehen wird. Dann ist man eine Art Berater des Fon. Bin ich aber nicht. Der Fon ist eine Art König, der das moralische Oberhaupt eines Fontums ist.

Große Sehenswürdigkeiten gibt es in Bamenda nicht. Wir machen uns zu Fuß zurück zu unserer Unterkunft. Dabei laufen wir eine Stunde durch die Stadt und lassen die Eindrücke auf uns wirken. Es ist ungewohnt warm in Bamenda, obwohl es nur ein paar Grad sind. Aber da die Sonne scheint kommt man ganz schön ins schwitzen. Und ich habe natürlich nur lange Hosen dabei, weil ich die Temperaturen in Kumbo gewohnt bin.

Zwei Sachen, die ich einfach fotografieren musste: Ein Fußballplatz, durch den ein keiner Bach läuft und auf dem Schafe weiden.
Und das erste wilde Tier, das wir sehen: eine grüne Schlange (Straßenkunst)

Wir essen gegrillte Maiskolben und probieren das erste Mal Zuckerrohr. Dazu braucht man echt gute Zähne. Man muss erst einmal die Rinde abbeißen und kann dann das Mark aussaugen. Und dann sagt Louis, dass wir das Zuckerrohr bitte nicht auf die Straße spucken sollen. Hallo! Die Kameruner schmeißen hier alles einfach so in die Landschaft ob Plastik, Metall oder Bananenschalen - macht keinen Unterschied. Zuckerrohr dagegen ist wenigstens biologisch abbaubar. Das ist wohl eine Logik für sich.
Zuckerrohr ist richtig süß und danach klebt alles. Wir schaffen alle höchstens die Hälfte zu essen.

Im Zimmer warten wir den nachmittäglichen Regen ab und machen uns abends auf, etwas zu essen zu finden. Es gibt diesmal Fisch. Ja, ich teile mir auch einen Fisch mit Mona. Ein ganzer ist dann doch zu viel. Aber ich lutsche die Krähten nicht so fein säuberlich ab wie die Kameruner. Ruth ist schon ein Schritt weiter. Sie ist bereits die Augen mit.
Der Fisch hier wird auf der Holzkohle, die beim Kochen übrig bleibt, gegrillt und dabei mit einer Kräuterpaste bestrichen. Da der Fisch aus Douala kommt und somit eine Reise durch halb Kamerun hinter sich hat, sollte man ihn mit Vorsicht genießen, aber er schmeckt gut.

Nach dem Essen treffen wir zwei ehemalige Freiwillig, die gerade in Bamenda zu Besuch sind.

Am Sonntagmorgen geht es wieder zurück nach Kumbo. Wir reisen diesmal in einem PKW mit 8 Personen. Das ist hier die normale Anzahl von Leuten, die in ein Auto hineinpassen. Vier Personen auf der Rückbank, zwei auf dem Beifahrersitz und einer teilt sich den Platz mit dem Fahrer. Für eine kurze Taxifahrt ist das ja okay, aber nach zweieinhalb Stunden wird es schon unbequem. Weil es diesen Mittag noch nicht geregnet hat, kommen wir relativ schnell in Kumbo an. Es ist fast wie heimkommen. Man kennt die Umgebung und hört auch wieder Lamnso. Das war in Bamenda schon komisch. Man ist nur ein paar Kilometer gefahren und keiner versteht mehr Lamnso?

Das Wochenende und unseren Ausflug in die Großstadt lassen wir in unserer Stammkneipe in Kumbo ausklingen.

Soweit ein kleiner Urlaubsbericht

Maximilian

Montag, 27. September 2010

Unser Haus und Besuch in Kitwum

Seit einem Monat nun wohnen wir in unserem Haus und haben uns inzwischen gut eingelebt. Weil einige danach gefragt haben, werde ich es hier einmal beschreiben:


Das Haus liegt auf dem Gelände des St. Augustin’s College und ist sehr groß. Also für drei Personen viel zu groß. Gleich wenn man reinkommt ist man in einer Art Wohnzimmer (Man achte bitte auf die kleinen Beistelltischen neben jedem Sessel. Die gibt es hier in jedem Haus). Hier empfängt man seine Gäste. Und Gäste gibt es hier genug. In Kamerun ist es üblich, dass man einfach vorbeikommt, wenn man jemanden besuchen möchte. Es gibt viele, die uns drei „Weißen“ Hallo sagen möchten. In der ersten Woche wurde bereits morgens um sieben Uhr mindestens einmal geklingelt. Nach dem zweiten Tag haben wir nicht mehr aufgemacht und jetzt haben es hoffentlich alle gelernt, dass wir um diese Uhrzeit noch keinen Besuch empfangen.
In Kamerun herrscht ein anderer Rhythmus. Da es um halb sieben dunkel wird und morgens um sechs wieder hell, endet die Nacht nämlich schon um vier oder spätestens sechs Uhr. Dafür gehen auch alle um neun oder zehn ins Bett. Ab drei Uhr wird man bereits mit „Good evening“ begrüßt.
Wir gehen übrigens auch um zehn Uhr schlafen. Durch die Dunkelheit kommt es einem um acht Uhr schon vor wie mindestens elf.
Jeder hat sein eigenes Zimmer. Das ist mein Zimmer:



Dann haben wir zwei Bäder und drei Duschen, eine davon hat sogar warmes Wasser! (Wenn Strom bzw. Wasser da ist) Im Haupthaus befindet sich dann noch ein Esszimmer.

Ja im Haupthaus, denn das Esszimmer liegt zu unserem Innenhof. Das ist ganz praktisch denn hier können wir uns, vor allem die Mädels, auch mal ohne die kamerunische Kleiderordnung (kniefrei) aufhalten und in die Sonne setzten. Aber hier können wir auch unsere Wäsche überdacht trocknen. Wir müssen unsere Wäsche mit der Hand waschen. Dummerweise wird die Kleidung, insbesondere die Hosen, extrem schnell dreckig, weil es eben keine asphaltierten Straßen gibt. Zum Waschen weichen wird die Sachen eine Stunde in einem Waschmittel ein, das man für praktisch alles verwenden kann: zum Beispiel den Boden, die Toilette oder die Fenster zu putzen. Dann wird mit Kernseife geschrubbt bis alles sauber ist (roter Matsch ist extrem hartnäckig).
Wenn alles trocken ist, heißt es bügeln und zwar alles, von der Socke bis zum Bettlaken, denn hier gibt es ein Insekt, das seine Eier auf feuchter Kleidung ablegt. Die Larven werden durch die Körperwärme ausgebrütet und fressen sich dann in die Haut. Wenn sie groß genug sind kommen sie entweder freiwillig raus oder man muss die Stelle mit Vaseline einschmieren. Dann bekommen sie keine Luft mehr und kommen ebenfalls raus. Es ist nicht weiter gefährlich, aber man braucht es auch nicht: Also bügeln wir!


Zum Hof schließt sich unsere Küche an. Wir haben einen Gasherd. Das ist hier nicht sehr verbreitet, denn: „Wozu habt ihr einen Gasherd, da kann man doch gar kein Fufu drauf kochen?“ Deshalb haben wir, wie jedes kamerunische Haus auch eine traditionelle Küche: Drei Meter vom Haus entfernt steht eine kleine Blechhütte, in der eine Feuerstelle ist. Gekocht wird hier normalerweise mit Holz, das auch viel billiger als Gas ist. Die Kameruner schwören auf ihre Art zu kochen: „Der Geschmack ist viel besser als mit der ‚white-man- Methode’“.

Zum Schluss haben wir noch zwei Gästezimmer und einen Raum, der eigentlich leer steht.
Ach ja, und unsere Katze Puka, die quasi mit zum Inventar gehört. Sie hat den Vorbesitzern, einer amerikanischen Familie, gehört und kam gleich am zweiten Tag zu uns. Sie ist übrigens schwanger.

Neben dem Haus haben wir noch unseren Garten, der anfangs mit Mais und allen anderen möglichen Pflanzen überwuchert war. Da wir uns der Lebensweise der Kameruner anpassen und nicht als reiche Europäer alles auf dem Markt kaufen wollen, haben wir uns entschlossen einen Garten anzulegen bzw. zu lernen wie das hier gemacht wird.
Glücklicherweise haben wir den Gärtner des Bischofs kennen gelernt: Tata Edwin. Er zeigt uns wie man in Kamerun gärtnert und besorgt uns die Pflanzen.
Bis jetzt heben wir gepflanzt: Kohl, Zwiebeln, Sellerie, Petersilie und irgendein Blattgemüse, das man wie Spinat kochen kann. Tomaten haben wir schon gesät. Die werden nämlich erst zu Beginn der Trockenzeit gepflanzt, wenn es nicht mehr so viel regnet.

Ach ja, es kam zu einem kleinen, lustigen Missverständnis zwischen uns: Tata Edwin spricht nicht so gut Englisch, jedenfalls sagt er zu uns, dass er für 6000 Francs „Manjo“ für uns kaufen will. Wir denken: Es ist bestimmt interessant Maniok anzupflanzen, gut kaufen wir Maniok.
Zwei Tage später klingelt es auch morgens um sieben Uhr und Tata Edwin steht mit einem Sack vor der Tür. Er sagt, dass „Manjo“ müsse gewässert werden und dürfe nicht austrocknen. Der Inhalt des Sackes wird also in die Regentonne geschüttet. Da kommt bestimmt bald der Maniok rein, der braucht es nass, so unsere Schlussfolgerung.
Am nächsten Morgen kommt noch ein Sack und wird in der Regentonne gewässert. Am Nachmittag dann verteilen wir das „Manjo“ im Garten und allmählich wird uns klar: „Manjo“ ist nicht das wofür wir es halten; „Manjo“ ist Ziegendung.
Letztendlich haben wir für 6000 Francs Ziegenscheiße im Garten und keinen Maniok. Das ist aber auch okay.


Als nächstes will Tata Edwin uns noch einen Zaun bauen. Denn die überall freilaufenden Ziegen, Schafe und Hühner sind eine ständige Gefahr für unsere Pflanzen.

Am Sonntag waren wir zu Besuch im Dorf von Tata Edwin. Es heißt Kitwum und liegt eine Stunde von unserem Haus entfernt.
Es ist Sonntag und natürlich werden wir zu Messe eingeladen. Diese ist nur bereits um sieben Uhr (wie die meisten Gottesdienste sonntags). Daher werden wir um fünf Uhr von einem freudestrahlenden Tata Edwin abgeholt, um rechtzeitig im Dorf zu sein.
Zu Fuß geht es los. Es ist stockdunkel, nur die Sterne leuchten über uns (es ist ausnahmsweise nicht bewölkt). Die anfangs breite Straße wird zu einem Trampelpfad, der durch Maisfelder und kleinen Wäldchen führt. So wandern wir in den Morgen und es begegnen uns erstaunlich viele Leute für die Uhrzeit.
Kurz nach sechs kommen wir am Haus von Tata Edwin an. Dort werden wir von seiner Familie begrüßt und es gibt für uns Tee, der eigentlich wie flüssiger Honig schmeckt, weil er so stark gesüßt ist. Das Haus ist, wie die meisten Häuser hier, aus getrockneten Lehmziegeln mit einem Wellblechdach gebaut. Die Einrichtung des Wohnzimmers lässt darauf schließen wie reich eine Familie ist. Normalerweise wird hier alles präsentiert, was als Statussymbol gilt, zum Beispiel läuft immer der Fernseher, wenn man eingeladen ist. Im Wohnzimmer von Tata Edwin, das von einem winzigen Fenster beleuchtet wird, gibt es einen Tisch, zwei Bänke und einen Stuhl aus Bambus, das hier günstigste Holz. Hier also lebt Tata Edwin mit seiner Frau und sieben Kindern.
Er hat uns von seiner Arbeit erzählt. Er arbeitet sechs Tage die Woche sieben Stunden als Gärtner des Bischofs. Dafür bekommt er 20000 Franc (31€) im Monat. Morgens läuft er eine Stunde nach Kumbo und mittags wieder zurück. Nachmittags arbeitet er auf seiner eigenen Farm. Er bemüht sich für alle seine Kinder das Schulgeld aufzubringen, denn er selbst hat nur zwei Jahre die Schule besuchen können und musste danach auf den Feldern arbeiten. Seine Frau spricht gar kein Englisch und ich vermute, dass sie nie eine Schule besucht hat.

Die Messe beginnt um sieben Uhr. Die anfangs recht leere Kirche füllt sich im Laufe des Gottesdienstes bis auf den letzten Platz. Es ist erstaunlich, wie die Afrikaner singen können. Alles auswendig und vor allem mehrstimmig. Ein Chor von Frauen und Männern in den ersten 10 Bänken fungiert als Vorsänger. Ganz vorne steht eine Frau, die sowohl den Chor als auch die Gemeinde dirigiert. Es scheint als ob jeder seine eigene Stimme komponiert und sich damit lautstark integriert, sodass die gesamte Kirche mit über 500 Menschen wie ein riesiger Chor klingt. Zum Rhythmus der Trommeln und Xylophone wird getanzt. Die ganze Gemeinde schwingt von rechts nach links, von einem Bein aufs andere. Dabei muss man einfach mitmachen, weil man mangels Platz in die jeweilige Richtung gedrückt wird. Das Tempo ist jedoch sehr gemächlich.
Die Sprache im Gottesdienst ist die in und um Kumbo Musikinstrumente
gesprochene Sprache Lamnso. Das Evangelium und die Fürbitten werden in Englisch gehalten und die Wandlung vollzieht der Priester auf Latein. Somit können wir immerhin etwas verstehen.
Nach der Messe treffen sich die Gemeindemitglieder in einer größeren Halle in Gesellschaften. Es gibt zum Beispiel welche für Frauen, für Männer und für die Jugend. Hier tauscht man sich aus, redet über Probleme oder bevorstehende Ereignisse und natürlich wird Palmwein getrunken.
Wir waren zur Gesellschaft des Chores eingeladen, weil Tata Edwin dort Mitglied ist. Wir wurden vorher instruiert unsere eigenen Becher mitzubringen und dann gibt es für jeden aus dem zehn-Liter Kanister reichlich Palmwein. Um auf eine Frage einzugehen: Nein, es gibt keinen Vergleich zu Wein aus Trauben (Rheingauer Riesling schmeckt natürlich viel besser). Palmwein schmeckt säuerlich süß, hefig, eben wie gärender Palmsaft.
Palmwein soll sehr gesund sein. Besonders für Kinder und stillende Mütter wird er empfohlen (vermutlich wegen der farblichen Ähnlichkeit mit Milch). Es gibt Männer, so haben wir uns sagen lassen, die niemals Wasser trinken, sondern nur Palmwein. Es sei auch so einfach: man stelle morgens einen Kanister unter die Palme im Garten und am Abend hat man den fertigen Palmwein.
Es gibt allerdings noch etwas anderes zu trinken: Schar. Das ist Maisbier. Die Bestandteile sind, glaube ich, Maismehl und Wasser, was zusammen vergoren wird.
Der Geschmack erinnert an Kuhstall bzw. Maissilage. Palmwein schmeckt besser.
Für jeden gibt es noch einen gekochten Maiskolben zu essen. Wir werden begrüßt und stellen uns natürlich auch vor. Es wird geklatscht und alle freuen sich, dass wir da sind. Sämtliche Leute wollen uns die Hand schütteln und sind entzückt, wenn wir auf Lamnso antworten.

Danach besichtigen wir die Primaryschool und das Health-Center von Kitwum. Dabei erzählt Tata Edwin uns bestimmt hundert Mal, dass die Wasserleitung von Kitwum von der Deutschen Regierung finanziert wurde und welch eine Ehre es sei, dass wir nun in Kitwun sind (als ob wir die Wasserleitung höchst persönlich verlegt hätten.)
Das Health-Center ist die erste nichtkirchliche aber trotzdem gut ausgestattete Einrichtung, die wir besichtigen.
Eine Krankenschwester führt uns herum und erklärt uns alles. Wir sindjedoch überrascht, dass keine Patienten in den Betten liegen.

Zum Abschluss gibt es im Haus von Tata Edwin Kartoffeln zu essen, die seine Frau zubereitet hat.Es beginnt, wie meistens nachmittags, zu regnen und wir machen uns kurz darauf auf den Heimweg.

Viele Grüße
Maximilian